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Zarte Märtyrerin aus hartem Stein
Agnes - der Name ist ihr Schicksal
Von Propst i. R. Paul Jakobi
Es klingt wie ein Widerspruch: die zarte, zerbrechliche Märtyrerin Agnes und
das harte Material des Steins. Auch im Namen klingt der Gegensatz an. Agnes kommt von dem lateinischen Wort “agnus”, das Lamm. Nomen est omen - der Name ist ihr Schicksal. Sie
wurde geopfert wie ein Lamm, aber ihr Glaube war steinhart. Die evangelischen Theologen Reblin und Teichert sprechen in ihrem Buch über die Heiligen von der “Gottescourage”,
die tiefer reicht als ihre säkulare Nachfahrerin, die Zivilcourage. Die Gottescourage hat ihre Basis im Vertrauen auf die Gegenwart Gottes. Sie hat wohl auch die Reformatoren Luther und
Melanchthon bewegt, im Artikel 21 der Augsburger Konfession den Rat zu erteilen, der Heiligen zu gedenken, “auf dass wir unseren Glauben stärken”.
In der Schatzkammer
befindet sich die steinerne Plastik einer Heiligen, die wahrscheinlich früher eine Marienfigur mit Kind gewesen ist, wie der Historiker Ludorff in seinem Inventar nachweist. Später wurde
diese Figur zu einer heiligen Agnes mit einem Lamm auf den Armen umgearbeitet. Eine Aufnahme aus dem Jahre 1895 zeigt die Plastik ohne Hände und ohne Kind; außerdem liegt aus dem Jahre
1946 eine Rechnung vor, die belegt, dass die Künstlerin Elly Küpper für diese Figur ein Lamm modelliert hat. Auch die neuen, ungelenken Hände weisen auf eine Ergänzung hin. Die Figur hat
bis 1995 im Tympanon des nördlichen Querhausportals gestanden; sie konnte aber wegen ihrer geringen Ausmaße diesen Platz nicht ausfüllen.
Die Figur trägt eine niedrige Krone, die
wie ein Reif mit stilisierten Rosen gestaltet ist und in flache Zacken ausläuft. Das runde Gesicht der Heiligen ist von lockig gedrehten Haaren, die auf die Schulter in den Gewandkragen
fallen, eingefasst. Das üppige und elegante, blaue und rote Obergewand ergießt sich über die Füße bis auf den Sockel; das Untergewand liegt auf der Brust eng an. Der Blick der Heiligen
ist auf den Betrachter gerichtet. Das Lamm, das zu ihr nach hinten blickt, ist unnatürlich gestaltet. Wenn man diese Plastik mit anderen Marienfiguren ihrer Art vergleicht und nach
Ähnlichkeiten sucht, kann als Entstehungszeit eine Datierung vor 1450 angenommen werden.
Ob die Wirren des letzten Krieges mit der Zerstörung des Domes 1945 einen Einfluss auf die
Umgestaltung dieser beschädigten Marienfigur zur hl. Agnes gehabt haben, ist nicht bekannt. Da das Kind fehlte, bestand offensichtlich Unsicherheit über ihre Identität. Vielleicht sollte
das Leben dieser Heiligen mit ihrem gewaltsamen Ende den Gläubigen der gegenwärtigen, schweren Zeit Trost und Hilfe sein. Die hl. Agnes, die Anfang des 4. Jahrhunderts in Rom als
Märtyrerin gestorben ist, und über deren Grab die Tochter Kaiser Konstantins die Kirche S. Agnese fuori le mura erbauen ließ, hat uns nur wenige genaue Lebensdaten, dafür aber viele und
die ältesten Erzählungen hinterlassen. Heiligenlegenden sind Hoffnungsgeschichten. Vielleicht sollte mit dieser Figur der hl. Agnes und dem Lamm auf ihren Armen deutlich gemacht werden,
dass Heilige in den Augen der Menschen fast immer die Verlierer gewesen sind - so wie das Lamm Gottes auch. Aber letztlich waren sie die Sieger. “Wo die Mächtigen nicht den Mut
haben, dem Widersacher zu widerstehen, da ringen sie mit ihm waffenlos” (R. Schneider), aber nicht aus eigener Kraft, sondern im grenzenlosen Vertrauen auf den, der ihnen die Fülle
des Lebens versprochen hat.
[Nächstes Objekt im
Mindener Domschatz: Altarkreuz aus dem 17. Jahrhundert]
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