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Der Kelch - das wichtigste liturgische Gerät

Ausdruck der Verbindung der Menschen mit Christus

Von Propst i. R. Paul Jakobi

Der Kelch ist das wichtigste liturgische Gerät. Seit dem frühen Mittelalter wird er aus Edelmetall hergestellt; die Innenseite ist immer vergoldet. Er besteht aus einem Fuß, einem Schaft mit Knauf - lateinisch nodus -, um den sich die Hand beim Halten legt, und einer Schale, die Kuppe (lateinisch cuppa) genannt wird.

Die Kelche aus der romanischen Zeit hatten in der Regel keinen Schaft, wie an dem berühmten Tassilokelch ersichtlich ist. Ihre Kuppe war halbkugelig geformt. In der Gotik wird sie mehr in den Schaft hineingezogen, so dass sie eine trichterförmige Gestalt annimmt.

Mit Ausnahme des kleinen Reisekelchs aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts verfügt die Schatzkammer zwar über viele gotische, nicht aber über Messkelche aus der romanischen Zeit. Darum soll an dieser Stelle ein moderner Kelch vorgestellt werden, der teilweise romanischen Charakter trägt. Dieser Kelch ist Privateigentum des Verfassers; er wurde nach seinen Ideen von dem Goldschmied Karl-Friedrich Jasper 1952/53 in Lippstadt gearbeitet und soll nach dem Tode des Besitzers der Domgemeinde und Schatzkammer geschenkt
werden.

Unter dem Fuß des Kelches sind die Stifter mit dem Wort verewigt: “Carolo et Helenae Trilling gratias agens, Paulus Jakobi, ordinatus 21.03.1953.“ Die Kuppe dieses Kelches hat die Form einer Halbkugel, in der sich der romanische Rundbogen widerspiegelt. Dadurch ist die Schale weithin zu Gott geöffnet, um ihr Verlangen, das Blut Jesu Christi aufnehmen zu dürfen, auszudrücken. Mit der Weihe dieses Kelches durch den damaligen Paderborner Erzbischof Lorenz Jaeger ist er dem profanen Gebrauch entzogen worden und nur noch für das Heilige bestimmt.

Der Kelch ist aus Silber gearbeitet und danach vergoldet. Die Kuppe ist gehämmert. Unterhalb der Schale leitet ein schlichter Verbindungsring zu dem Knauf über, der nach dem Gleichnis Jesu vom Weinstock und den Reben (Joh 15,1-8) gestaltet wurde. Die Mitte dieser kunstvoll gearbeiteten Manschette bildet ein einfaches Kreuz, das den Weinstock symbolisiert, von dem das Leben ausgeht. Aus diesem Stamm wachsen Zweige heraus, an dem sich Weinblätter befinden. Die Reben, die die gläubigen Christen darstellen, sind als kleine Amethyststeinchen angebracht. Dieses Motiv zieht sich um den ganzen Nodus, um die weltumspannende Anlage der Eucharistie auszudrücken. An alle Menschen ergeht die Einladung Jesu: “Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,5).

Wir sind auf Gedeih und Verderb an diesen Lebensbaum gebunden. Das Gleichnis und seine künstlerische Umsetzung drücken zweierlei aus: die Verbindung der Menschen mit Christus und die der Christen untereinander. Die heilige Eucharistie ist das Sakrament der Geschwisterlichkeit. Weil wir nach dem Auftrag Jesu ”trinkt alle daraus“ (Mt 26,27) aus demselben Kelch trinken, gehören wir alle zusammen.

Kuppe und Knauf werden von einem weit ausladenden Fuß getragen, der Standfestigkeit garantieren soll. Er verjüngt sich in elegantem Schwung nach oben und mündet im Nodus. Der angeflachte Fuß ermöglicht eine gut lesbare Aufschrift, die das Verlangen nach dem Kommen Jesu ausdrücken soll. In griechischer Schrift ist dort das letzte Wort der Bibel eingraviert: ”AMEN ERCHOU KYRIE JESOU“ - “Amen, komm Herr Jesus“ (Oftbg 20,20). Diese Bitte der Jünger, die lange an eine Wiederkunft Christi in naher Zeit glaubten, greift eines der ältesten Gebete der Christenheit auf. Paulus überliefert es in aramäischer Sprache: ”Marana tha - unser Herr, komm!“ (1 Kor 16,22). Das erste Kommen Jesu war nach ihren eigenen Erfahrungen so sehr von Heil und Rettung bestimmt, dass nach der Vorstellung der damaligen Christen auch seine Wiederkunft nur Leben und Vollendung bringen kann.

Dieses Verlangen der Christen nach dem Kommen Jesu Christi soll auch in der Inschrift dieses Kelches zum Ausdruck gebracht werden. Hier wird aber weniger um die Wiederkunft am Ende der Zeiten gebetet, sondern mehr um sein Kommen im Heute, bei der Feier des Abendmahls. Wenn sein Blut in den Kelch fließt, ist der Herr in der Mitte der Gemeinde gegenwärtig. Der Ruf ”komm, Herr Jesus" ist eine Bitte gläubigen Vertrauens an den, der allein das Heil den Menschen bringen kann.

Wenn die Gemeinde das Abendmahl feiert, denkt sie nicht nur an sich, sondern bezieht alle Menschen in dieses Ereignis ein. Sie bittet den gegenwärtigen Herrn, er möge - wie der Naturwissenschaftler und Theologe Teilhard de Chardin es formuliert hat - über der ganzen Welt sprechen: ”Dies ist mein Leib“ und über den Tod: ”Dies ist mein Blut“. Mit dieser kosmischen Dimension seines Wortes soll alles in den "göttlichen Bereich“ (Chardin) verwandelt werden.

[Nächstes Objekt im Mindener Domschatz: Jerusalem-Kasel]

 

Der von Propst i. R. Jakobi gestiftete Kelch hat einen romanischen Charakter

Der von Propst i. R. Jakobi gestiftete Kelch hat einen romanischen Charakter.   Fotos: Arnold Weigelt

Der Knauf wurde nach dem Gleichnis Jesu vom Weinstock und den Reben gestaltet

Der Knauf wurde nach dem Gleichnis Jesu vom Weinstock und den Reben gestaltet.

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Aktualisiert: 27/04/12
 

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