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Auf dem Gewand das Ziel des Lebens schauen
Messgewand zeigt das himmlische Jerusalem
Von Propst i. R. Paul Jakobi
Nach Meinung des Theologen
Romano Guardini ist die Liturgie ein Spiel vor Gott, in dessen Mitte Jesus Christus steht. ”Er selbst ist der Priester, der Altar und das Opferlamm", heißt es in der Osterpräfation. An diesem heiligen Spiel beteiligen sich viele Akteure: Priester, Diakone, Lektoren, Kommunionhelfer, Kantoren, Ministranten und das ganze anwesende Gottesvolk.
Die Liturgie ist aber nicht nur ein Spiel, sondern auch ein Fest, an dem die eingeladenen Gäste - wie im bürgerlichen Leben - nicht im Arbeitszeug oder im Alltagskleid, sondern im Sonntagsanzug teilnehmen. Die Kirche hat schon im 3. Jahrhundert begonnen, aus dem griechisch-römischen Mantel priesterliche Gewänder zu entwickeln. Klemens von Alexandrien (gestorben um 215) forderte, die Christen sollten zur Feier der heiligen Geheimnisse in festlicher Kleidung kommen.
Natürlich war die Entwicklung dieser Kleidung auch der ”Mode" unterworfen; sie passte sich den aufeinander folgenden Kunstrichtungen an: der Romanik, der Gotik, dem Barock und der Moderne. Die Reformatoren lehnten die priesterliche Amtstracht - vor allem die Stola - ab, um das allgemeine Priestertum aller Gläubigen zu betonen. Die katholische Kirche hat an den priesterlichen Gewändern festgehalten, um den Leiter des Gottesdienstes, der in persona Christi handelt, kenntlich zu machen.
Dennoch darf die Liturgie der Kirche nicht priesterfixiert sein; der Priester ist eben nicht ”Alleinunterhalter", wie die Forderung der Kirche nach der actuosa participatio der Gläubigen besagt, sondern als Leiter des Gottesdienstes in das heilige Spiel eingeordnet. Die Kirche legt großen Wert auf eine angemessene Repräsentanz des Gottesvolkes; alle im Altarraum befindlichen Mitspieler - Männer und Frauen, Jungen und Mädchen - sind deshalb ebenfalls festlich gekleidet.
Die Liturgie als heiliges Spiel ist kein Theater. Um der Gefahr einer Veräußerlichung zu entgehen, sind die biblischen “Kleidervorschriften", die spirituellen Erklärungen zu beachten. Der Apostel Paulus spricht im Galaterbrief (3,27) davon, die Christen hätten in ihrer Taufe Christus selbst als Gewand angelegt. Darum soll die liturgische Kleidung am Altare auch immer an das weiße Taufkleid erinnern. Im Römerbrief (13,14) verfügt Paulus: ”Zieht den Herrn Jesus Christus an!", und in der Geheimen Offenbarung (7,9) ist das weiße Kleid ein Symbol für den durch Christus geretteten Menschen. Obwohl der Liturge Mensch bleibt mit allen Stärken und Schwächen, soll er sich doch ”in Christus" befinden wie in einem Kleid.
Die Farben der liturgischen Gewänder folgen den vom Kirchenjahr geprägten Zeiten: Weiß und Gold bestimmen die Freude in der Weihnachts- und Osterzeit, das Violett ist Ausdruck der Buße in der Advents- und Fastenzeit, das Rot steht für das Kreuz, das Blut und den Heiligen Geist, und das Grün in den übrigen Zeiten ist als Zeichen der Hoffnung zu verstehen.
Die erste Priesterkleidung in der jungen Kirche hat den Menschen wie ein Mantel ganz umhüllt; heute ist diese Urform im Schnitt einer Glockenkasel in die Liturgie zurückgekehrt. Sie wird auch in der Domgemeinde wieder verwandt.
Insgesamt verfügt die Schatzkammer von dem Jahre 1500 bis heute über 100 Messgewänder, von denen viele eingelagert, andere im Gebrauch sind. Aus diesem Reichtum können nur wenige Messgewänder vorgestellt werden.
Die im Jahre 2004 im Kloster Varensell verstorbene Benediktinerin Erentrud Trost hat neben dem großen Heilig-Geist-Fenster in der St. Mauritiuskirche, einer Glocke im Domgeläut und dem Evangelistar auch liturgische Gewänder für die Domgemeinde entworfen. Eine Kasel trägt in Anlehnung an die Vision in der Geheimen Offenbarung, in der die göttliche Liturgie beschrieben wird, die Abbildung des himmlischen Jerusalem.
Am Außenrand des weiten Mantels sind die Mauern mit den zwölf Toren der Stadt dargestellt. Sie umschließen das Lamm, über das die Geheime Offenbarung 28mal berichtet. Das Lamm steht - wie die Apokalypse schreibt (14,6) - auf dem Berg Zion, den die Künstlerin mit einem gestickten Bogen angedeutet hat. Es trägt die Fahne des Auferstandenen als Zeichen des Lebens. Weil das Lamm durch seinen Tod den endgültigen Sieg errungen hat, wird die Geheime Offenbarung zu einem Trostbuch für die bedrängten Christen in der Welt. Wie im Himmel können die Christen jetzt schon eine festliche Liturgie feiern. ”Ihm, der auf dem Throne sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit" (5,13). Jede irdische Liturgie auf Erden ist eine Vorwegnahme der himmlischen.
Auf der Vorderseite des Messgewandes sind die Geretteten, die Heiligen des Himmels dargestellt, die ebenfalls auf dem Berg Zion stehen (Offbg 14,1). ”Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen" (Oftbg 7,9). Die Künstlerin hat sie mit reichem Schmuck, mit Halsketten und Armbändern geziert. Zwei Erlöste haben sich umarmt, andere haben Augen und Hände zum Lamm erhoben.
Alle in dieser Welt lebenden und vor allem auch die bedrängten Christen sollen auf diesem Messgewand das Ziel ihres Lebens, die heilige Stadt Jerusalem schauen, wo ”Gott alle Tränen von ihren Augen abwischen" (OfIbg 7,17) wird. Die Offenbarung des Johannes ist das große Buch der christlichen Hoffnung, die durch die kostbare Stickerei genährt werden soll.
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Domschatz: Messkelche aus Gotik und Barock]
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