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Buchkunst aus dem 16. Jahrhundert
Das
Mindener Missale zählt zu den bedeutendsten Liturgiebüchern
Von Propst i. R. Paul Jakobi
"Betet ohne Unterlass!"
hat der Apostel Paulus an die Thessalonicher geschrieben (1 Thess 5,17). Damit wollte er nicht sagen, sie sollten pausenlos beten, sondern das Gebet zu einem wichtigen Programmpunkt eines jeden Tages zu machen. Viele Christen halten sich an diese Empfehlung, in der keine bestimmte Form für das Gebet vorgeschrieben wurde. Jeder Beter darf seinen eigenen Stil entwickeln: mit Worten oder ohne, mit geöffneten oder geschlossenen Augen, vor einem Kreuz oder in der Natur, Gott bittend, lobend oder dankend.
Neben dem unverzichtbaren persönlichen Gebet der Gläubigen hat sich auch das offizielle Gebet der Kirche entwickelt. Da sich die Christen als Volk Gottes zu gemeinsamen Gottesdiensten versammeln, müssen Ordnungen und Regeln vorhanden sein, um ein Gebet in Gemeinschaft zu ermöglichen. Aus diesem Grunde sind liturgische Bücher entstanden, die oft eine lange Geschichte haben. Auch die Domgemeinde verfügt noch über einige alte liturgische Bücher, nachdem der größte Teil zur sorgfältigen Pflege an das Diözesanarchiv in Paderborn abgegeben wurde oder in den Besitz der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz übergegangen ist.
Zu den liturgischen Büchern zählt das Mindener Brevier, das allerdings nur in Kopie in der Schatzkammer vorliegt. Das Brevier oder das kirchliche
Stundengebet, das von allen Priestern und auch vielen Laien auf der ganzen Welt regelmäßig gebetet wird, enthält Psalmen, Hymnen, biblische Lesungen, Texte von Theologen und Synoden,
Konzilsaussagen, Gebete und Fürbitten. Da zu jeder Stunde des Tages diese Gebete gesprochen werden, nennt man sie auch Horen: Matutin, Laudes, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet. Mit
dieser Regelung wird das offizielle Gebet sowohl über den Tag als auch über die ganze Welt verteilt. Auf diese Weise kommen die einzelnen Beter und die Gesamtkirche dem Auftrag des
Apostels, ohne Unterlass zu beten, sehr nahe.
Das zweite wichtige liturgische Buch ist die Agende. die die Spendung der sieben
Sakramente regelt: Taufe, Firmung, Kommunion, Buße, Krankensalbung, Priesterweihe und Ehe. Im Domschatz ist ein Exemplar der zweiten Auflage der Agende
aus der Leipziger Druckerei Melchior Lotther aus dem Jahre 1522 zu sehen.
Das wichtigste der
liturgischen Bücher ist das Mindener Missale (Messbuch), das mit Hilfe der neu erfundenen Buchdruckerkunst Georg Stucks 1513 in Nürnberg gedruckt hat. Es entstand im Zweifarbendruck und
enthält kolorierte Holzschnitte. 1958 konnte dieses für Minden wichtige Buch in Heidelberg ersteigert und an seinen Ursprungsort zurückgeführt werden. Vorher befand es sich im Besitz des
Herzogs von Parma.
Das Missale enthält die offizielle Messliturgie der Kirche, die sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat, für alle Sonn- und Feiertage, Marien- und
Heiligenfeste. Für Minden ist von besonderer Bedeutung das unter dem 1. Juli auf Seite 305 aufgeführte Messformular der hl. Sophie, deren Haupt als Reliquie im Reliquiengrab des Domes
neben dem Heilig-Geist-Altar aufbewahrt wird. Wahrscheinlich hat Karl der Grosse diese wertvolle Reliquie 799 von Papst Leo III. in Paderborn erhalten und sie zur Bekehrung der Sachsen an
das neugegründete Bistum Minden weitergegeben. Der Papst soll dreimal vor dem Haupt dieser Heiligen zelebriert haben. Die Existenz eines eigenen Messformulars unterstreicht das
Vorhandensein dieser Reliquie in Minden. Eine andere Bedeutsamkeit dieses Messbuches liegt in der abgedruckten Mindener Osterliturgie, die die heutige offizielle Osterliturgie der Kirche
beeinflusst haben soll.
Lange vorher schon waren in den Schreibstuben der Mindener
Bischöfe, in den so genannten Scriptorien, kostbare Handschriften entstanden, von denen sich die meisten in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin befinden. Vor allem der
kunstsinnige [Bischof Sigebert
von Minden] (1022-1036), der auf einem Elfenbeinrelief eines Buchdeckels in bischöflicher Kleidung mit dem Rationale, einem nur wenigen Bischöfen in der Welt verliehenen Schulterschmuck, dargestellt ist, hat durch die Arbeiten in seinen Schreibstuben Kunst, Wissenschaft und Liturgie gefördert. Auf dem in der Schatzkammer befindlichen Abguss sind zwei Priester mit Büchern an der Seite Sigeberts zu sehen. Über ihnen befinden sich das Lamm als Symbol für Christus und die Taube als Zeichen des Heiligen Geistes, während zwei Diakone, von denen der linke den Bischofsstab hält, für den beliebten Bischof - deshalb "amandus" genannt - einen Teppich ausrollen. Die Buchmalereien in den Sakramentaren aus dem 10. und 11. Jahrhundert weisen Einflüsse aus den berühmten Scriptorien der Klöster auf der Insel Reichenau und in St Gallen auf.
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