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Schau nicht nur auf den Schlamm ...
Die vier Meter lange Osterrolle erzählt vom Durchzug durch das Rote Meer
Von Propst i. R. Paul Jakobi
Eine rabbinische Erzählung
berichtet über das größte Wunder, das das Volk Israel je erlebt hat. Beim Durchzug durch das Rote Meer spaltete sich das Wasser und die Wellen standen seitlich wie aufgeschichtete Mauern, so dass das Volk durch diese Gasse an das andere Ufer gelangen und damit in die Freiheit fliehen konnte.
Zwei Männer von ihnen aber, Ruben und Schimon, schauten kein einziges Mal nach oben. Sie sahen nur den Schlamm unter ihren Füßen und stöhnten: ”Wie in Ägypten, als wir aus Lehm Ziegel formen mussten! Der Lehm dort war genauso wie der Schlamm hier. Es besteht kein Unterschied zwischen der Sklaverei in Ägypten und der Freiheit.” Für sie gab es kein Wunder - nur den Schlamm.
Von Anfang an hat die Kirche in dem Durchzug durch das Rote Meer ein Bild für die Osternacht gesehen. Die Auferstehung Jesu Christi ist ein Fest der Befreiung. Durch dieses Wunder wurden die Menschen von dem schrecklichen Schicksal des Todes befreit. Weil die Christen nun ihre eigene Auferstehung feiern können, stimmen sie in der Osternacht einen Lobgesang auf die Osterkerze - das Symbol des auferstandenen Christus - an. Dieses Osterlob heißt lateinisch EXSULTET.
Nachdem die entzündete Osterkerze mit den fünf Wundmalen Jesu versehen und mit dem ersten und letzten Buchstaben des griechischen Alphabets Alpha und Omega und der heutigen Jahreszahl beschriftet vor dem Altar auf den Leuchter gestellt worden ist, stimmt der Diakon das Exsultet an. Es ist ein altes Lied, das schon im 7. Jahrhundert in der Osternacht gesungen wurde. Da es sehr lang ist, wurde der Text mit den Noten auf einer Pergamentrolle aufgeschrieben, die während des Gesangs langsam abgewickelt werden konnte.
Eine solche Exsultetrolle ist in der Schatzkammer ausgestellt; sie wird in jedem Jahr zur Feier der Osternacht in den Dom gebracht. Die Benediktinerin Erentrud Trost aus Varensell hat das Osterlob im Jahre 1999 für den Mindener Dom auf Pergament geschrieben und den Text in einer gemalten Bilderfolge erläutert.
Auf diesem wertvollen, etwa vier Meter langen Kunstwerk sind am Anfang die Chöre der Engel dargestellt, die vor dem auferstandenen Christus ihre Posaunen erschallen lassen, so wie es im Text heißt: ”Frohlocket, ihr Chöre der Engel, ... lasset die Posaune erschallen!” Dann wendet sich das Exsultet dem Heilswirken Gottes zu: das Volk Israel zieht trockenen Fußes durch das Rote Meer, der gute Hirt holt die Menschen aus der Tiefe ihrer Schuld und führt sie durch die Taufe in die heilige Kirche.
Auf der einen Seite ist das Paradies mit dem prachtvollen Baum und den süßen Früchten zu sehen, sowie die Schlange, die Adam und Eva den Apfel reicht. Während auf der anderen Seite Engel das erste Menschenpaar aus dem Paradies verweisen, ist im geheimen Plan des dreifaltigen Gottes bereits der Beschluss zur Erlösung gereift. Auf der Mitte der Rolle ist die strahlende Osterkerze, umgeben von der feiernden Gemeinde, abgebildet. Der Fleiß der Bienen, die das Wachs der Kerze zusammentragen, ist in den Werken der Barmherzigkeit und der gottesdienstlichen Feier der Gläubigen im Mindener Dom dargestellt. Am rechten und linken Rand der Rolle verlaufen Bänder mit Menschen: Heilige und Propheten, Betende und Sehnsuchtsvolle, Sakramente Spendende und Empfangende.
Die ganze Rolle endet in einer Christusvision, die von Licht überflutet und von Engeln und Menschen umgeben ist. Dieser Morgenstern Jesus Christus, der in Ewigkeit nicht untergeht, ist in das himmlische Jerusalem eingezogen. Die Künstlerin, die das Exsultet in Wort und Bild geschaffen hat, will dem Betrachter sagen: Schau nicht nur auf den Schlamm zu deinen Füßen, denn er verändert dein Leben nicht. Erst wenn du zum Himmel aufschaust, entdeckst du das Wunder.
[Nächstes Objekt im Mindener Domschatz: Der Jakobi-Kelch]
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