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Zwischen Mystik und Schmerz
Die
Pieta im Mindener Domschatz
Von Propst i. R. Paul Jakobi
Im Laufe der Kunstgeschichte
wurde Maria sehr häufig als die im Himmel gekrönte Frau dargestellt. Durch göttliche Erwählung zur Mutter Jesu und durch ihr Ja zu dieser göttlichen Berufung hatte sie ihre Bestimmung in der Herrlichkeit Gottes erreicht.
Zwar steht sie so vor uns als die Frau in der Vollendung, die das Ziel für alle Menschen vorgibt, aber gleichzeitig ist sie auch weit weg von uns, von unseren Fragen und Nöten. Darum haben die Künstler im Mittelalter begonnen, Maria auch anders darzustellen, als diejenige nämlich, die dem Leid der Menschen nahe ist.
Dazu wählten sie den Augenblick, in dem Maria nach der Kreuzabnahme ihren toten Sohn auf ihrem Schoß trägt. Man gab dieser Frau in ihrem tiefsten Schmerz den aus der italienischen Sprache kommenden Titel Pieta; das heißt Mitleid, die Mitleidende. Dennoch ging es in erster Linie nicht um ihren Schmerz, sondern um die Betrachtung ihres toten Sohnes und seiner Wunden.
Unter dem Einfluss der mittelalterlichen Mystik, der die Versenkung in die Passion Christi ein Hauptanliegen war, sollte der anteilnehmende Schmerz des Betrachters gesteigert werden. Man nannte diese “Beweinungen Christi” seit dem Anfang des 14. Jahrhunderts auch Vesperbilder, weil sie am Karfreitag während des Vespergottesdienstes - also abends zwischen Kreuzabnahme und Grablegung - stattfanden.
In diese mystische Form der Betrachtung des Todes Jesu mischte sich aber auch der Schmerz der Menschen, die in ihrem eigenen Leid nach Trost verlangten. Die vielen Mütter, die bei der hohen Säuglingssterblichkeit ihre Kinder verloren, suchten in Maria eine Identifikationsfigur. Die schmerzhafte Mutter Jesu war ihnen nahe; bei ihr konnten sie sich ausweinen.
Nicht nur im Dom steht eine Pieta (1420), die sich höchster Beliebtheit und Verehrung erfreut; auch in der Domschatzkammer befindet sich eine Schmerzensmutter, die zwar gewisse Ähnlichkeiten mit der im Dom hat, aber nicht wie sie aus Holz, sondern aus Sandstein gefertigt ist. Die Pieta stammt wahrscheinlich aus dem zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts und weist in einer lokalen Werkstatt rheinischen Einfluss auf.
Die Farbfassung ist im 19. Jahrhundert erfolgt. Maria trägt einen glatt herabfallenden Schleier, der in ein langes Kleid übergeht, das ihre Füße verhüllt. Ihr Blick, der über den Leichnam hinweggeht, ist ernst und in die Ferne gerichtet. “Wie kann es nun weitergehen?” mag ihre Frage sein, die auch die Frage vieler Menschen in Leid und Trauer heute ist. Mit der rechten Hand stützt sie das Haupt ihres toten Sohnes, mit der linken hält sie ihn auf ihrem Schoß. Jesus liegt nicht ganz waagerecht - gewissermaßen ein Kreuz bildend - auf ihren Knien, sondern schräg und mit angewinkelten Beinen.
Das Gesicht Jesu ist dem Betrachter zugewandt; seine blutende Seitenwunde ist deutlich erkennbar. Während der linke Arm auf seinem Knie liegt, fällt der rechte schlaff nach unten. Die geschlossenen Augen und die heruntergezogenen Mundwinkel, hinter denen die Zähne des Oberkiefers zu sehen sind, sind Ausdruck des Toten. Haupthaare und Bart sind wellig gefasst.
Von dieser Pieta liegt eine Aufnahme aus dem Jahre 1895 vor, die aber nicht zu erkennen gibt, wo diese Plastik im Dom gestanden hat.
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