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Mehr als ein Erinnerungszeichen
Das ehemalige Triumphkreuz im Mindener Domschatz
Von Propst i. R. Paul Jakobi
Das Kreuz ist nicht nur ein Erinnerungszeichen
an den Tod Jesu. Jeder Mensch erfährt auf oft bedrückende Weise, wie intensiv und auch zuweilen grausam das Kreuz in sein eigenes Leben eingreift. Es ist unmöglich, sich vor ihm zu schützen oder es gar abzuwerfen. Das Kreuz ist wie ein Schatten, der uns unerbittlich verfolgt. Nur wer in der Lage ist, das Kreuz in sein eigenes Leben zu integrieren, kann mit ihm fertig werden und die erstaunliche Erfahrung machen, dass es nicht nur Last, sondern auch Lebenshilfe sein kann. Die Künstler und Künstlerinnen haben zu allen Zeiten das Kreuz nicht nur als ein Folterwerkzeug verstanden, sondern als Deutung ihres Lebens und als Instrument eigener Problembewältigung. Weil jeder den Weg gehen muss, den er gewählt hat, haben sie in die Lebensgeschichte ihrer Zeitgenossen das Kreuzesmysterium hineinkomponiert. So sind die unterschiedlichen Kreuzesdarstellungen zustande gekommen: Triumph- und Leidens- und Meditationskreuze.
Das Kreuz Jesu ist nicht nur ein Zeichen der Niederlage oder des Triumphes; es ist auch eine Brücke zwischen Erde und Himmel, zwischen Mensch und Gott. Aufgrund dieses Verständnisses hat bis zum 17. Jahrhundert über dem Lettner des Mindener Domes ein großes Kreuz gehangen, das diese Brückenfunktion des Kreuzes ausdrücken sollte. Es ist wahrscheinlich in der Mitte des 14. Jahrhunderts entstanden und wurde als ein Triumphkreuz betrachtet. Die Länge des senkrechten Balkens betrug 2.20 m, die des Querbalkens fast 1,50m. Die Kreuzenden mündeten in breite Dreipässe, in die die vier Evangelisten-Symbole vergoldet eingearbeitet waren. Die Dreipässe waren vom Blattwerk umgeben, das ebenfalls vergoldet war. Dieses Kreuz über dem früheren Lettner wurde später über dem Eingang zur alten Sakristei im nördlichen Querhaus aufgehängt. Beim Bombenangriff am 6.12.1944 wurde es stark beschädigt.
Der 1976 von Hubertus Peez / Obermarsberg restaurierte Korpus, von dem vier Abgüsse angefertigt wurden, hängt jetzt im Meditationsraum des Domes. Er ist auf einem schlichten Kreuzesbalken angenagelt und hat sich von einem Triumphkreuz zu einem Meditationskreuz verwandelt. In diesem schlichten gotischen Raum ist dieses gotische Kreuz den Menschen besonders nahe. Es möchte dem Betrachter die Zuversicht geben, sein eigenes Kreuz anzunehmen. Keiner sollte - wie die Legende erzählt - von seinem Kreuz ein Stück absägen, um es zu erleichtern. Da jedes Menschenkreuz auch Brücke zu einem tieferen Menschsein ist, kann es uns in schwierigen Situationen über Abgründe und Gefahren hinweg tragen. In dem Augenblick, in dem wir das Schicksal im Vertrauen auf Gott annehmen, wird es zu einem Kreuz, das uns verwandelt und uns über die Todesschlucht wieder in das Land der Freiheit führt.
Dieser Gedanke ist in dem vorhandenen Kreuz sehr ausgeprägt. Die Füße sind mit nur einem Nagel befestigt, sodass das Kreuz als Dreinageltyp bezeichnet werden kann. Der Korpus mit einer leichten gotischen S-Form hat einen gedrungenen Brustkorb, aus dem die Rippen deutlich hervortreten. Die Seitenwunde blutet. Über die angewinkelten Knie fällt das Lendentuch, das an der rechten und linken Seite geknotet ist. Das Haupt des Gekreuzigten ist etwas zur Seite geneigt. Die mittig gescheitelten Haare sind hinter die Ohren gelegt und fallen bis auf die Schultern; der Kinnbart tritt sehr hervor. Besonders ausdrucksstark ist das Gesicht mit dem liebevollen, inneren Frieden ausstrahlenden Blick. Die Augen sind voller Anteilnahme auf den Betrachter gerichtet.
Dieses ehemalige Triumphkreuz, das früher hoch über dem Lettner zwischen Himmel und Erde im Dom gehangen hat, wollte sichtbare Brücke sein zwischen Mensch und Gott. Das heutige Meditationskreuz ist den Menschen nicht mehr entrückt, sondern ganz nahe. Es ist ihnen so in Güte zugewandt, dass es als eine Brücke betrachtet werden kann, die uns einlädt, sie mit allen Sorgen und Ängsten zu betreten, um neue Hoffnung zu gewinnen. Vor diesem Kreuz kann jeder Suchende beten.
Über den Mindener Domschatz ist 2005 ein Buch erschienen. Autor des Buches ist Propst am Dom i. R. Paul Jakobi
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